Von Chomrong nach Bamboo

Um 6 Uhr früh klingelt der Wecker und reisst uns aus dem wohligen Schlaf: Ein neuer Wandertag steht bevor. Die kühle Morgenluft und die noch vom Vortag verschwitzten Trekking-Kleider laden nicht gerade zum Aufstehen und Anziehen ein. Doch da müssen wir jeden Morgen durch, und so schälen wir uns, wenn auch mit einigen Seufzern — denn der Schlafsack ist doch sehr warm und kuschelig — aus dem Bett.

Als ich auf die Terrasse vor unserem Zimmer trete, stelle ich fest, dass das Wetter sich über Nacht aufgeklärt hat. Die Wolken und der Nebel vom Vortag sind verschwunden und an ihrer Stelle leuchtet ein klarer, blauer Himmel im Morgenlicht. Zum ersten Mal haben wir freie Sicht auf die Annapurna Süd und den Machhapuchhre (was übersetzt so viel wie “Fischschwanz-Berg” heisst). Wie beeindruckend diese hohen Berge sind! Zum Glück sind wir so früh aufgestanden, denn so werden wir Zeugen einer wunderschönen Morgenstimmung: Die Sonne geht langsam auf und wirft ihre rot-orangen Strahlen auf die höchsten Gipfel der Berge. Zuerst werden nur die obersten Felswände und Gletscher ganz zaghaft angeschienen, bevor dann die Sonne immer stärker wird und ein gelb-oranges Licht auf das Gebirge wirft. Schon vor dem Frühstück ein solches Naturschauspiel!

 

 
 

Das Morgenessen haben wir schon am Abend zuvor bestellt — es ist ohnehin immer dasselbe: José isst einen Haferporridge und ich ein Müesli mit warmer Milch, was uns eine gute Basis für die ersten paar Stunden wandern gibt. So gestärkt packen wir anschliessend unsere Rucksäcke und machen uns auf zu dieser Tagesetappe.

Das frühe Aufstehen hat nicht nur den Vorteil, dass wir jeweils den Sonnenaufgang bewundern dürfen; sondern bringt auch mit sich, dass wir in den ersten Stunden des Tages mehr oder weniger alleine wandern. Die grossen Touristengruppen, von denen es leider eine ganze Menge gibt auf dem ABC Trek (Annapurna Basecamp Trek), gehen meist später los und so haben wir die Wege fast für uns bis zur ersten Rast. In dieser morgendlichen Ruhe wandern wir gerne ohne zu reden — wir hängen beide unseren Gedanken nach und geniessen die manchmal fast meditative Stimmung.

Chomrong ist ein Dorf auf 2140 M.ü.M. und nur über Treppen erreichbar. Unser Tagesziel, Bamboo, liegt nicht sehr viel höher auf 2335 M.ü.M., ist aber doch ein gutes Stück entfernt. Dazwischen befinden sich tausende von Stufen, denn wir müssen den Fluss im Tal unten überqueren und dazu erst hinunter- und dann wieder hinaufgehen. Unsere Beine sind immer noch etwas schwer vom Vortag, weil wir ja bereits steile Treppen nach Chomrong hochsteigen mussten. Da kann allerdings nichts gemacht werden, ausser die Muskeln wieder zu wärmen und geduldig die Treppen auf der anderen Seite hinabzugehen.

 

  
 

Manchmal sind die Stufen von Büffeln versperrt, die da gemütlich liegen und wiederkäuen. Sie lassen sich durch uns Wanderer nicht stören. Etwas weiter unten kommt uns auch eine Herde von meckernden Ziegen entgegen: Die Gurung, die nepalesischen Bauern tibetischer Abstammung, die in dieser Region der Berge wohnen, treiben die Ziegen zum Dasain-Fest (bei dem viele von ihnen geopfert werden) in das Dorf. Die Ziegen wollen lieber das Gras neben der Treppe rupfen, als den Bauern den Hügel hinauf folgen. Nur mit Stock und Hirtenhund schaffen sie es, die Herde zusammenzuhalten.

Wie wir weiter Richtung Nord-Osten wandern, verschwindet die Annapurna Süd aus unserem Blickfeld. Wir werden sie erst auf der anderen Seite im Basecamp wieder sehen. Eine neue Perspekitve tut sich vor uns auf: Das Modi Khola Tal, auf dessen östlicher Seite wir je nach Winkel den Machhapuchhre bestaunen dürfen. Bei einem dieser Aussichtspunkte ist es Zeit für die erste Rast. Schokolade und Farmerstängel (die hier “Mountain Man” oder “Trekker’s fuel” heissen und sehr gut schmecken) geben uns neue Energie. Dies ist natürlich meine liebste Pause am ganzen Tag — wann darf man schon so viel Schokolade essen und dabei kein schlechtes Gewissen haben?!

 

 
 

Treppen hinab folgen auf Treppen hinauf (viele der Wanderer die wir treffen sagen nur etwas: “Damn stairs!”)… Auf und ab… Zum Glück wandelt sich wenigstens die Landschaft um uns herum. Nach den offenen Hängen mit terrassierten Reisanpflanzungen in der Chomrong-Gegend, befinden wir uns jetzt in Rhododendrenwäldern. Manchmal müssen wir kleine Bächlein, die den Weg kreuzen, überqueren. Zum Glück haben wir gute Wanderschuhe, denn nur selten, bei grösseren Bächen, wurden Brücken gebaut. Auf der gegenüberliegenden Seite sehen wir grosse Wasserfälle ins Tal hinabstürzen: Der ungewöhnlich viele Regen dieses Oktobers hat die Bäche mit enormen Wassermassen gefüllt. Kurz vor Bamboo — wie es der Name suggeriert — ragen dann hohe Bambusse links und rechts von uns empor. Vor dieser Reise wusste ich nicht wie hoch und dick Bambusse werden können!

Wir erreichen Bamboo noch vor dem Mittagessen. Es ist der dritte Tag und wir wollen unsere Kräfte einteilen, damit wir auch zwei Wochen durchhalten können. Ausserdem gilt es, so früh wie möglich eine Unterkunft für die Nacht zu finden, denn die Anzahl der Gasthäuser ist beschränkt und vor allem in der Hochsaison kann es auch mal vorkommen, dass man im Esssaal schlafen muss, wenn man zu spät kommt. Die Unterkünfte sind alle ähnlich, das Essen und die Preise von einem Komitee festgesetzt, sodass alle Wirte dieselben Chancen haben. Wir machen unsere Wahl also von der Sympathie des Besitzers abhängig und finden in Bamboo einen sehr fröhlichen Gastgeber, der auch sehr gut kocht.

Das Menu des Mittagessens ist schnell beschlossen: José bestellt Dal Bhat und ich gebratene Kartoffeln mit Spiegelei und Käse. Das Gute an Dal Bhat (dem nepalesischen Nationalgericht das aus Linsen, Reis, Kartoffelcurry und manchmal Gemüse besteht) ist, dass man so viel davon serviert bekommt, wie man will. Ist der erste Teller leer gegessen, kommt der Koch mit Nachschub. Perfekt für knurrende Trekking-Magen also.

Am Nachmittag nehmen wir es gemütlich: Duschen (das wissen wir zwar noch nicht, aber es wird die letzte Dusche für fünf Tagen sein, denn weiter oben im Basecamp gibt es keine), ein Nickerchen machen, Patience legen oder Yatzy spielen, lesen und dann die Abendstimmung geniessen. Es ist wirklich schön, jeden Tag draussen in der Natur zu sein und diese zauberhaften Momente des Sonnenauf- und Untergangs zu erleben!

 

 

Schon um zirka 20 Uhr, nach erneutem Dal Bhat und mit wohlig gefüllten Magen, sinken wir erschöpft in die Federn — wir kommen uns zwar ein bisschen alt vor, aber es gibt auch keinen Strom mehr um diese Zeit und alles legt sich hin. Wir passen unseren Rhythmus mehr der Natur an und so bekommen unsere Körper auch genug Schlaf zum Regenerieren. Schliesslich wird der Wecker am nächsten Tag wieder um 6 Uhr klingeln…

2 comments to Von Chomrong nach Bamboo

  1. babsi says:

    straight ahead hän sie uns immer gsait und denn isch es ebbe über hunderti vo meter mit stäge uff- und abegange. gället, so isch das dört halt und me gwöhnt sich dra. aber mir sin immer mit däne fantastische panorame belohnt worde. josé die fotos sind grossartig und ich freue mich auf noch mehr bilder 🙂

    • ladina says:

      so, jetzt hesch no mehr föteli vo nepal zum aluege beko… das wärs für dr momänt, aber früehner oder spöter wärde mir jo in das wunderschöne land zruckkehre =)

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